Als meine Schwangerschaft bestätigt wurde, war mein erster Impuls: Bücher kaufen. Ich bestellte drei auf einmal. Ernährung in der Schwangerschaft, die optimale Geburtsvorbereitung, das erste Lebensjahr. Ich las, markierte, notierte. Und trotzdem stand ich nach der Geburt meines Sohnes in einer Küche um 3 Uhr nachts, völlig überfordert, und dachte: Davon stand nichts drin.
Das ist kein Vorwurf an irgendein Buch. Es ist eher die Erkenntnis, dass ein großer Teil der Vorbereitung aufs Elternwerden gar nicht in Ratgebern stattfindet. Er stattfindet in Gesprächen, in der Paardynamik, im Kopf. Und genau dort haben die meisten von uns die größten Lücken.
Das Paar verschwindet fast über Nacht
Wir hatten sieben Jahre als Paar hinter uns, bevor unser Kind kam. Wir kannten uns gut. Wir dachten, wir wären vorbereitet. Was wir nicht vorhergesehen hatten: dass aus zwei gleichberechtigten Partnern innerhalb weniger Wochen eine Mutter und ein Vater wurden, die sich plötzlich in klassischen Rollen wiederfanden, obwohl beide das nie so geplant hatten.
Ich stillte, also war ich nachts wach. Ich war nachts wach, also schlief ich tagsüber. Weil ich tagsüber schlief, übernahm er Haushalt und Einkauf. Weil er das übernahm, arbeitete er nebenbei weiter. Drei Monate nach der Geburt hatten wir eine Rollenverteilung, über die wir vorher nie ernsthaft gesprochen hatten. Aus zwei Menschen war eine Funktionseinheit geworden. Was ich mir gewünscht hätte: mindestens zwei Abende vor der Geburt, an denen wir konkret über Erwartungen gesprochen hätten. Nicht über Wickelkommode oder Kinderwagen, sondern darüber, wer was übernimmt und was wir brauchen, um uns dabei noch als Paar zu fühlen.
Der Körper erholt sich nicht nach Zeitplan
Sechs Wochen. Das ist die magische Zahl, die im Zusammenhang mit der Erholung nach der Geburt immer wieder fällt. Nach sechs Wochen ist die Nachsorge formal abgeschlossen, viele Arbeitgeber rechnen mit einer Rückkehr zur Teilzeit, und irgendwie schwingt mit, dass danach wieder alles normal sein sollte.
Bei mir war das nicht so. Und bei den meisten Frauen, mit denen ich später offen darüber gesprochen habe, war es das auch nicht. Mein Beckenboden war nach sechs Wochen kein bisschen belastbar. Ich hatte Schlafentzug angesammelt, der sich nicht in einer Nacht auflösen ließ. Ich weinte aus Gründen, die ich nicht benennen konnte. Das ist kein Versagen, das ist Biologie. Aber niemand hatte mir das so deutlich gesagt.
Konkret hätte ich mir gewünscht, dass meine Hebamme oder meine Gynäkologin mir einen realistischen Zeitraum nennt: Für viele Frauen dauert die vollständige körperliche Erholung nach einer Geburt sechs bis zwölf Monate. Nicht sechs Wochen.
Was Vorbereitung wirklich bedeutet
Es gibt inzwischen sehr gute Ressourcen, die diesen breiteren Blick auf das Elternwerden abbilden. Wer sich ernsthaft vorbereiten will, findet beim Thema Eltern werden mittlerweile auch praktische Informationen jenseits von Babykleidung und Klinikkoffer. Entscheidend ist aber, diese Informationen frühzeitig zu nutzen, also nicht in der 38. Schwangerschaftswoche, sondern eher ab der 20.
Was ich damals nicht getan habe und heute für mindestens genauso wichtig halte wie jeden Geburtsvorbereitungskurs: mir überlegen, welche Art von Mutter ich sein will. Nicht im abstrakten Sinne, sondern konkret. Will ich stillen, und wenn ja, wie lange? Wie stehe ich zum Thema Schlafen, Schreien lassen, Beikost? Was sind meine roten Linien, und wo bin ich flexibel? Wer diese Fragen vorher für sich beantwortet, ist in den ersten erschöpften Wochen deutlich handlungsfähiger.
Das Schweigen über mentale Belastung
Postpartale Depressionen betreffen nach aktuellen Zahlen etwa 10 bis 15 Prozent aller Mütter in Deutschland. Die sogenannte Postpartale Erschöpfung, die keine klinische Diagnose ist, aber real existiert, betrifft vermutlich weit mehr. Und trotzdem ist das Gespräch darüber in den meisten Geburtsvorbereitungskursen ein Randthema.
Ich hatte keine postpartale Depression. Aber ich hatte Wochen, in denen ich mich von mir selbst entfremdet fühlte, in denen ich funktionierte, ohne wirklich da zu sein. Ich wusste nicht, dass das vorkommen kann. Ich wusste nicht, dass es einen Namen hat und dass man darüber reden sollte, bevor man darin feststeckt. Wenn ich heute mit Frauen spreche, die schwanger sind, sage ich ihnen: Holt euch die Telefonnummer einer Psychologin heraus, bevor ihr sie braucht. Nicht weil ihr sie brauchen werdet, sondern weil es zehn Mal leichter ist, anzurufen, wenn man die Nummer schon hat.
Praktische Dinge, die niemand erwähnte
Neben den großen emotionalen Themen gibt es eine Reihe handfester Punkte, die in keinem meiner Bücher vorkamen:
- Elterngeld beantragen braucht Zeit. Der Antrag sollte idealerweise schon in der Schwangerschaft vorbereitet werden. Wer ihn nach der Geburt einreicht, kann sich auf Bearbeitungszeiten von vier bis acht Wochen einstellen, in denen kein Geld fließt.
- Hebamme suchen bedeutet: früh suchen. Viele Hebammen nehmen keine neuen Klientinnen mehr an, wenn sie bereits ausgebucht sind. Wer in der 30. Woche anfängt zu suchen, findet in manchen Regionen niemanden mehr.
- Die Krankenkasse zahlt Haushaltshilfe. Nach der Geburt unter bestimmten Voraussetzungen, bei Bettruhe in der Schwangerschaft oft auch. Die meisten Frauen wissen das nicht und fragen nicht nach.
- Stillen ist eine Fertigkeit, keine Instinkt. Wer stillen möchte, sollte sich im Vorfeld bei einer Stillberaterin informieren, nicht erst, wenn es in der Klinik nicht funktioniert.
Was ich heute anders machen würde
Ich würde weniger Bücher kaufen und mehr Gespräche suchen. Mit Frauen, die ein Kind haben und bereit sind, ehrlich zu sein. Nicht mit denen, die sagen, es sei das Schönste auf der Welt, sondern mit denen, die auch sagen, es sei das Schwierigste.
Ich würde meinem Partner früher sagen, was ich brauche, und ihn früher fragen, was er braucht. Ich würde Erwartungen aussprechen, bevor sie zu Enttäuschungen werden. Und ich würde mir erlauben, die Vorbereitung auf ein Kind als etwas zu sehen, das genauso viel mit mir als Person zu tun hat wie mit Babybettchen und Wickelunterlagen.
Eltern werden ist kein Projekt, das man abhaken kann. Aber wer mit offenen Augen hineingeht, steht hinterher deutlich stabiler da.


